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Wenn man die schieren Zahlen zugrunde legt, ist kaum eine Kampagne in der Geschichte der internationalen Solidarität so erfolgreich gewesen wie das Erlaßjahr-Bündnis: Die Entschuldungsbeschlüsse der Gipfel von Köln (HIPC-2) und Gleneagles (MDRI) werden den ärmsten Ländern nach den letzten Berechnungen der Weltbank in den nächsten 30 Jahren Zahlungen von rund 170 Mrd. US-$ (Nominalwert) an die Gläubiger des Nordens ersparen. Als die Kampagne Erlaßjahr2000 gegründet wurde, stellten die Bundesregierung und die Internationalen Finanzinstitutionen weniger als ein Zehntel dieser Summe, über die im Rahmen der damaligen HIPC-1-Initiative diskutiert wurde, schon als politisch nicht durchsetzbare Zumutung für die Gläubiger hin (HIPC = Heavily Indebted Poor Country, also hochverschuldete arme Länder).
Dazu kamen seither große Schuldenerlasse im Pariser Club für den Irak (40 Mrd. $), Nigeria (18 Mrd. $) und die eher selbst gmachte Entschuldung Argentiniens (rund 50 Mrd. $). Zusammen mit Schwesterbewegungen in den betroffenen Staaten und in anderen Gläubigerländern hat erlassjahr.de, in allen diesen Fällen auf weiter gehende Lösungen hin gearbeitet. Bei seiner Gründung hatte Erlaßjahr2000, angelehnt an die Ergebnisse des Londoner Schuldenabkommens für Deutschland 1953 für alle Länder eine maximal Schuldendienstquote (Schuldendienst zu Exporten) von maximal 5% gefordert. Die meisten in die HIPC/MDRI-Initiativen einbezogenen ärmsten Länder liegen im Jahr 2007 tatsächlich darunter.
Warum sind wir trotz dieser gewaltigen Erfolge nicht „fertig“?
Bei der Gründung des Nachfolgebündnisses der Erlaßjahr2000-Kampagne im Jahr 2001 haben wir als Ziel formuliert, dass eine (stellvertretende) Advocacy-Arbeit für die verschuldeten Länder des Südens so lange nötig sein wird, wie die Betroffenen durch die Strukturen des internationalen Schuldenmanagements daran gehindert werden, sich selbst zu helfen. Konkret: Solange wie über Schuldenerlasse von den Gläubigern allein entschieden wird, und nicht in einem Verfahren, das dem Schuldner den minimalen Schutz für sein Überleben in Würde gewährt, den auch Schuldner in einem leidlich funktionierenden Rechtsstaat wie der Bundesrepublik genießen. Noch konkreter: so lange wie es das von Erlassjahr stets geforderte Internationale Insolvenzverfahren nicht gibt.
Im Jahr 2003 waren wir ihm schon einmal ziemlich nahe – als
im Internationalen Währungsfonds der Vorschlag eines „Sovereign Debt
Restructuring Mechanism“ (SDRM) diskutiert wurde, der – wiederum unter
dem Druck der weltweiten Entschuldungsbewegung – einige Elemente des
von erlassjahr.de geforderten fairen und transparenten
Schiedsverfahrens aufnahm. Aber umgesetzt wurde auch der SDRM nicht.
Deswegen
werden Staaten aus dem Kreis der HIPCs, die nun einmal entschuldet
worden sind, sich im Falle neuer Zahlungsschwierigkeiten wieder, wie
schon seit 1989 auf einen langen und dornigen Weg durch die Instanzen
der Gläubiger machen müssen – statt, wie in einem Rechtsstaat in einem
ordentlichen Verfahren von untragbaren oder womöglich gar nicht
legitmierten Forderungen kurz und schmerzlos entlastet zu werden.
Und neue Krisenszenarien zeichnen sich schon jetzt ab.
Aber was passiert, wenn der Kakaopreis nicht so hoch wie derzeit bleibt, und Ghana wieder in Zahlungsschwierigkeiten gerät? Fängt dann der ganze Prozess, der 1991 mal mit den „Toronto Terms“ kleine Schuldenerlasse ermöglichte, wieder von vorne an?
Wenn in solchen neuen Krisen Ghana vor einem unparteiischen Schiedsgericht seine Schwierigkeiten darlegen kann, und wenn dann nach ebenso unparteiischer Begutachtung eine faire Regelung zwischen Gläubigern und Schuldnern gefunden wird, dann - aber auch nur dann - braucht es auch kein erlassjahr-Bündnis mehr.