19.01.2012

Wie der Internationale Währungsfonds Griechenlands Zukunft sieht: realistisch und finster

Abbildung eines hochkant stehenden Euro-Geldstücks auf einem Bilanzdigramm Wer sich mit Schulden von Entwicklungsländern befasst, hat gelernt, Prognosen und Vorhersagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu misstrauen. Allzu häufig erstellte der Fonds Gefälligkeitsgutachten, die vor allem den Gläubigern die Chance eröffneten Geld aus kritisch verschuldeten Ländern abzuziehen – in der Erwartung, durch IWF-Programme werde sich ohnehin die Situation des Schuldners alsbald zum Besseren wenden.

Der Fall Griechenlands ist in mancher Beziehung untypisch, auch für das Verhalten des Fonds. Schließlich geht es hier um sehr viel Geld, nicht zuletzt das des IWF selbst, der in den letzten zwei Jahren immer tiefer in die europäische Schuldenkrise hineingezogen wurde. Und unter dem Druck der eigenen existenziellen Bedrohung im Falle einer ungeregelten Pleite des EU-Landes lernt auch der IWF realistischere Einschätzungen der Lage abzugeben.

Auf diesem Hintergrund enthält die im Dezember erstellte Schuldentragfähigkeitsanalyse des Fonds einige bemerkenswerte Aussagen. Zwei dieser Aussagenn sind es wert, besonders hervorgehoben zu werden.

Erstens stellt der IWF fest, dass Griechenland sich nicht aus der Krise sparen kann. Zusätzlich zu dem jeweils vom Fonds für wahrscheinlich gehaltenen "Basis-Szenario" werden auch bei jeder DSA verschiedene Krisenszenarien überprüft. Und am bemerkenswertesten ist dabei eines, das durchspielt was mit der griechischen Verschuldung passiert, wenn die Athener Regierung die ohnehin schon radikale Sparpolitik noch weiter verschärft.

Im folgenden Diagramm wird gezeigt, welche Folgen das für den ohnehin schon hohen Schuldenstand im Verhältnis zur Wirtschaftsleitung hätte:
Grafik 1: Gegenüberstellung der Folgen von Makro-Anpassungen und Basis-Szenario bis 2030 / Daten: IWF
Selbst im überarbeiteten Basis-Szenario wird bis 2030 die öffentliche Verschuldung Griechenlands nicht einmal in die Nähe des Doppelten der Maastricht-Schuldengrenze von 60% des Bruttoinlandsproduktes kommen. Dass überhaupt ein abnehmender Schuldenstand angenommen wird, ist IWF-Standard-Praxis. Der Fonds geht stets davon aus, dass Regierungen Programme sinnvoll umsetzen, die äußeren Umstände sich zumindest nicht verschlechtern, und externe Schocks generell ausbleiben. Dass die fallenden Schuldenkurven dann tatsächlich die zukünftige Entwicklung darstellen ist übrigens global eher die Ausnahme als die Regel.

Bemerkenswert in der vorliegenden Analyse ist aber vor allem, dass ein Mehr von der klassischen IWF-Medizin "Anpassung auf der Makro-Ebene" – also Haushaltskonsolidierung, Privatisierung und Liberalisierung, nicht nur die Wirtschaft dermaßen abwürgen würde, dass die Schuldenindikatoren durch die Decke gehen.

Noch wichtiger ist, dass bis zum Jahr 2030 Griechenland nicht einmal etwas davon hätte: Zwar würde der absolute Schuldenstand reduziert, aber ein Schrumpfen der Wirtschaft würde gleichzeitig überproportional beschleunigt, so dass in den nächsten zwanzig Jahren die Belastung durch die Schulden höher wäre, als dann, wenn die Griechen in den nächsten Jahren weniger dramatisch konsolidierten.Weil sich damit auch die Fähigkeit Griechenlands die Schulden zu bezahlen änder , würden unter diesen Umständen nicht einmal die Gläubiger gewinnen.

Die zweite bemerkenswerte Aussage ist, dass das vergleichsweise hoffnungsvolle Basis-Szenario (die rote Linie in der obigen Graphik) nur unter der Voraussetzung eintreten kann, dass die privaten Gläubiger sich "nahezu vollständig" an dem geplanten "freiwilligen" Schuldentausch beteiligen.

Diese sah nach den Vereinbarungen zwischen EU, Griechischer Regierung und dem Privatbankenverband (IIF) eine Reduzierung von rund 100 Milliarden Euro privater Forderungen an Griechenland um rund 50 Prozent (auf Basis des Barwerts) durch einen Schuldentausch vor. Gelänge dies, wurde im Oktober gehofft, könnten noch 2012 die öffentlichen Schulden einen Gesamtstand von 120 Prozent erreichen. Wie man dem inzwischen überarbeiteten basis-Szenario nun entnehmen kann, ist dieses Ziel aktuell längst nicht mehr erreichbar –  der Schuldenschnitt ist vielmehr die Voraussetzung dafür, dass es überhaupt abwärts geht mit der griechischen Schuldenbelastung.

Nun haben am 13. Januar 2012 die privaten Gläubiger die Verhandlungen platzen lassen, nachdem ihre zeitweilig erhobene Forderung, auch öffentliche Gläubiger müssten am Schuldenschnitt beteiligt werden, auf keine positive Resonanz gestoßen war. Zwar verhandelt das IIF derzeit wieder, aber einzelne Großinvestoren haben schon deutlich gemacht, dass sie eher auf individuelle Klagen gegen Griechenland als auf eine einvernehmliche Lösung setzen. Und da nach dem Willen der Europäischen Staatschefs der Schuldenschnitt freiwillig erfolgen soll, gibt es keinerlei Handhabe, sie an den Tisch zu zwingen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir in Kürze vom IWF ein "überarbeitetes überarbeitetes Basisszenario" vorgelegt bekommen.

von Jürgen Kaiser