Burkina Faso – nach der Überschuldung ist vor der Überschuldung

Burkina Faso gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und wird vom Internationalen Währungsfonds (IWF) als ein Land mit einem hohen Überschuldungsrisiko eingestuft. Burkina Faso besitzt nur wenige Bodenschätze und eine schwach entwickelte Industriebasis und ist hauptsächlich vom Anbau und Export von Baumwolle abhängig – bei einer derart schwachen wirtschaftlichen Ausgangssituation sind Verschuldungsprobleme nicht abwegig. Dass das Land untragbar hohe Schuldenindikatoren und Schuldenstand aufweist, ist dabei nicht das erste Mal: Burkina Faso qualifizierte sich aus diesem Grund bereits 1997 für einen massiven Schuldenerlass durch die damals noch junge internationale Entschuldungsinitiative HIPC  Nach Erreichen des Vollendungspunktes wurden 2002 die Schulden tatsächlich gestrichen. Zusätzlich erhielt das Land 2005 einen Erlass unter der ergänzenden MDRI-Initiative. Diese zwei Schuldenerlasse sollten laut des IWF die Überschuldungsprobleme lösen – doch an Burkina Faso wird deutlich, dass ein Schuldenerlass allein nicht unbedingt eine langfristige, präventive Wirkung hat.

Baumwollernte bestimmt die wirtschaftliche Lage


90 % der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft beschäftigt, 60 % der gesamten Exporte sind Baumwollexporte. Das heißt, dass Burkina Faso wie so viele der ärmeren Länder hauptsächlich von einem einzigen Agrarrohstoff abhängig ist - und damit die Wirtschafts- und Verschuldungssituation von Burkina Faso von exogenen Bedingungen wie dem launischen Wetter und schwankenden Weltmarktpreisen bestimmt wird. Ein Beispiel: Im Jahr 2007 kamen die für die Agrarproduktion wichtigen Regenfälle erst sehr spät im Jahr und die Weltmarktpreise für Baumwolle waren sehr niedrig. Ergebnis: Die Baumwollproduktion und -exporte Burkina Fasos gingen um 40 % zurück. Eine Katastrophe für die 250000 Haushalte, die von der Baumwollproduktion abhängen und für einige der ländlicheren Gegenden Burkina Fasos, die sich allein durch den Verkauf von Baumwollsaat ernähren. Doch Wetterbedingungen und Weltmarktpreise sind nicht die einzigen exogenen Schocks, die ein kleines Land wie Burkina Faso ereilen kann. Dazu kam die globale Finanzkrise, die eine sinkende internationale Nachfrage und somit weniger Exporte von Baumwolle mit sich brachte, und der Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise, der bei weniger Einnahmen durch geringere Exporte kaum kompensiert werden konnte.  Und als ob das nicht schon genug wäre, erlitt das Land im September 2009 schlimme Überschwemmungen, welche einen Teil der Infrastruktur zerstörten, viele Menschen obdachlos machten und das Land zusätzliche und unerwartete 82 Milliarden CFAF (etwa 184 Millionen US-Dollar) kosteten.

Immer wieder verschuldet

Trotz des massiven Schuldenerlasses vor einigen Jahren weist Burkina Faso erneut einen kritischen und untragbaren Schuldenstand auf, so dass der IWF das Land als hoch überschuldungsgefährdet einstuft. Der Schuldenstand eines Landes wird vom IWF für tragfähig erklärt, wenn er nicht höher ist als 150 % der jährlichen Exporteinnahmen. Dies ist der wichtigste Schuldenindikator, denn verschuldete Länder müssen die Zinsen und Tilgungen in harter Währung begleichen, die aus den Exporten kommt. Im Falle Burkina Faso übersteigt dieser Indikator aktuell die Grenze um 53 Prozentpunkte, beträgt also 203 Prozent. Weiter hat der IWF durch „Stressimulationen“ herausgestellt, dass im Falle einer schwächeren Exportleistung als erwartet und weniger günstigen Finanzierungsmöglichkeiten (z. B. teure Kredite oder weniger Zuschüsse) immense Risiken einer erneuten Überschuldungssituation bestehen. Burkina Faso hängt dabei massiv von externer Entwicklungshilfe als Ausgleich seines Staatshaushaltes ab. So besteht ein hohes Risiko, wenn es Burkina Faso nicht gelingt, genug finanzielle Mittel durch z. B. Zuschüsse und konzessionäre (besonders günstige) Kredite zu mobilisieren um krisenbedingte Finanzierungslücken auszugleichen.

Wie wahrscheinlich ist eine erneute Überschuldung?


Schauen wir uns noch einmal die obigen Überlegungen und Erfahrungen aus früheren Zeiten an: Burkina Faso ist abhängig von wenigen Exportgütern hauptsächlich aus der landwirtschaftlichen Produktion und somit besonders anfällig für exogene Schocks: Bewiesen wurde dies im Jahr 2007 im Zuge fallender Weltmarktpreise, oder im Jahr 2009 im Zuge der globalen Krise und der schlimmen Unwetter. Doch man kann noch weiter zurückschauen: Im Jahr 2000 wies das Land ein geringeres BIP-Wachstum im Zuge einer Dürre auf (anstelle durchschnittlich 5,7 Prozent zwischen 1996 – 2000 nur noch 2,2 Prozent). Speziell schwankende Weltmarktpreise als mit das größte Risiko für die Exportleistung sind nicht erst seit 2007 oder 2009 ein Problem für Burkina Faso; so waren die Baumwollpreise im Jahr 2000 um 11 Prozent niedriger als vom IWF in einer damaligen Schuldentragfähigkeitsanalyse prognostiziert. Dadurch nahm Burkina Faso 14 % weniger Devisen als vorgesehen ein. Dies trug zu einer Erhöhung des Schuldenstands um 30 Prozentpunkte in diesem Zeitraum bei! Daraus gelernt zu haben scheint der IWF übrigens nicht, denn auch im Länderbericht von Juli 2009 muss sich der IWF bzgl. seiner optimistischen Prognosen korrigieren: Ein Pfund Baumwolle sollte laut der vorangegangenen Schuldentragfähigkeitsanalyse für das Jahr 2009 0,70 $ einbringen, im Länderbericht von Juli 2009 waren es schon nur noch 0,55 $ pro Pfund. Dies bedeutet einen Verlust von 36 Milliarden CFAF (ca. 68 Millionen US Dollar).

Es sollte deutlich geworden sein, wie naheliegend das Risiko einer erneuten Schuldenkrise Burkina Fasos ist. Auch wenn große Hoffnung auf mehr Produktion von Gold gelegt wird (als ein weiteres Exportgut, so dass der Baumwollsektor entlastet würde), so ist Baumwollproduktion und –export aktuell immer noch der Hauptwirtschaftssektor und daher essentiell für Wachstum, Reduktion von Armut und die Schuldensituation.

Das Beispiel Burkina Faso zeigt, dass ein einmaliger Schuldenerlass kein Allheilmittel für Überschuldungsprobleme ist. Außerdem wird bis dato ausschließlich von den Gläubigern allein entschieden, ob einem Land Schulden erlassen werden. Und es sind die eigenen Prognosen, mit denen der Internationale Währungsfonds die Tragfähigkeit des Schuldendienstes begründet. Burkina Faso darf als Beispiel dafür stehen, wie dringend ein struktureller und neutraler Lösungsansatz gebraucht wird, bevor ein Land (wieder) nicht mehr in der Lage ist, Schuldendienst zu leisten oder soziale und medizinische Leistungen für die eigene Bevölkerung zu erbringen. Ein internationales Insolvenzverfahren bietet eine Lösungsmöglichkeit für überschuldungsgefährdete Länder wie Burkina Faso. Es zieht auch die Gläubiger mit in die Verantwortung für den Umgang mit ihren Investitionen und gibt dem Schuldnerland eine Chance auf faire Verhandlungen über einen Schuldenerlass und die Höhe des verbleibenden Schuldendienstes.

27.07.2010, Kristina Rehbein