Entschuldungsarbeit im Süden
Die Kampagnen im Süden setzen mit ihrer Arbeit auf unterschiedliche Schwerpunkte
Zu Zeiten der internationalen Kampagne Jubilee 2000 gab es allein im Süden
mehr als 40 Kampagnen, die sich für Schuldenerlass eingesetzt haben. Als
immer deutlicher wurde, dass die Ziele der internationalen Bewegung - ein
weitreichender Schuldenerlass und die Einführung eines fairen und transparenten
Entschuldungsverfahrens - nicht erreicht würden, entschieden sich die meisten
Kampagnen für eine Weiterarbeit über das Jahr 2000 hinaus.
Weder im Norden noch im Süden haben alle Entschuldungskampagnen denselben
Schwerpunkt. Je nach dem, ob ein Land zur so genannten HIPC-Gruppe (hoch verschuldete arme Länder) gehört, bislang keinen Zugang zu einem Schuldenerlass
hat oder vor allem „Odious Debts“ (verabscheuungswürdige Schulden) prägend
sind, und natürlich je nach den politischen Überzeugungen der HauptaktivistInnen
wird mit unterschiedlichen Schwerpunkten gearbeitet – zum Teil auch parallel
und ergänzend. In den 41 Ländern der HIPC-Gruppe ist – neben der Erfüllung
der klassischen Strukturanpassungsauflagen - die Beteiligung der Zivilgesellschaft
bei der Erstellung eines nationalen Armutsbekämpfungsprogramms (PRSP) Voraussetzung
für einen Schuldenerlass. Die meisten Kampagnen (unter anderem in Uganda,
Mosambik, Tansania, Malawi, Bolivien) haben sich entschlossen, die wenn
auch fraglichen und ohnehin geringen Möglichkeiten der PRSP-Prozesse zu
nutzen. So konnte zum Beispiel in Bolivien die Zivilgesellschaft die Chance
der durch die Gläubiger erzwungenen Partizipation nutzen und eine nationale
Diskussion mit echter Beteiligung großer Bevölkerungsschichten in Gang bringen
und Prioritäten über die Verwendung der durch den Schuldenerlass freiwerdenden
finanziellen Mittel festlegen. In Sambia boten sich vorher unbekannte Möglichkeiten,
mit Regierungsvertreter/innen in Kontakt zu treten. Die meisten Entschuldungsbewegungen
im Süden versuchen, die Möglichkeiten der PRSP-Prozesse zu nutzen. Für viele
bleiben diese Prozesse dennoch insgesamt „a bitter pill coated with sugar“
(eine bittere Pille in Zuckerguss).
In den Ländern, in denen im Rahmen der HIPC-Initiative bereits Schulden
erlassen wurden (bisher Uganda, Bolivien, Tansania, Mosambik) sind die Kampagnen
im Monitoring-Prozess aktiv, um sicherzustellen, dass die freiwerdenden
Mittel wirklich der Armutsbekämpfung zugute kommen. In den Ländern, in denen
verbrecherische Regime für einen Großteil der Schulden verantwortlich sind
(vor allem Südafrika, Philippinen) geht in Zusammenarbeit mit Partnern im
Norden (Kanada, Deutschland, Belgien) die Diskussion um die Legitimität
der Schulden weiter. Im Kontext der Debatte um die grundsätzliche Illegitimität
der Schulden des Südens wird auch die Frage der ökologischen Schulden (z.B.
Ecuador) erörtert. In Nigeria steht das Problem des „stolen wealth“ (gestohlenen
Reichtum) neben der Forderung nach einem Fairen und Transparenten Verfahren
im Vordergrund.
Und in jenen Ländern, denen jeder Erlass verwehrt wird (z.B. Ecuador, Indonesien)
wird besonders auf die Forderung nach einem fairen und transparenten Entschuldungsverfahren
gesetzt – in engem Kontakt mit Partnern im Norden (Deutschland und England).
Die Debatte erhielt im November 2001 durch einen Vorschlag der IWF-Vizedirektorin
Anne Krueger zusätzliche Dynamik.
Internationale Vernetzungen
Neben vielfältiger internationaler Zusammenarbeit zu einzelnen Ländern bestehen
zwei internationale Vernetzungen von Jubilee Bewegungen:
Jubilee South ist ein Netzwerk von Kampagnen und Organisationen aus dem
Süden, das 2000 in Johannesburg gegründet wurde und eng mit einigen Organisationen
und Kampagnen im Norden zusammenarbeitet. Für das Netzwerk steht die Illegitimität
der Schulden im Mittelpunkt der Arbeit. Alle Schulden sollen gestrichen
werden, da der eigentliche Schuldner – ökologisch, sozial und finanziell
– der Norden ist. Jubilee South tritt daher auch für Reparationsleistungen
des Nordens an den Süden ein. Die Einführung eines Fairen und Transparenten
Verfahrens wird von den Mitgliedern allerdings unterschiedlich bewertet:
als wichtige wenn auch kleine systemische Veränderung, als vielleicht erster
nützlicher Schritt im Hinblick auf die übergeordnete Frage der Legitimität,
oder als inakzeptable Anerkennung der Legitimität von Schulden. In Zusammenarbeit
mit seinen Partnern hat Jubilee South in Porto Alegre beim Weltsozialforum
2002 ein internationales Schuldentribunal durchgeführt, bei dem ZeugInnen
aus vielen betroffenen Ländern gehört wurden und eine prominente Jury ein
Urteil verfasst hat.
Daneben besteht seit April 2001 Jubilee Movement International (JMI), eine
Bewegung von Kampagnen im Norden und im Süden. Die Einführung eines Fairen
und Transparenten Verfahrens wird als wichtiger und vor allem erreichbarer
Schritt hin zu mehr systemischer Gerechtigkeit bewertet und stellt eine
zentrale Forderung des JMI dar.
Sowohl im Süden als auch im Norden gibt es nationale Kampagnen, die in beiden
Vernetzungen aktiv sind. Die Gemeinsamkeiten und das Trennende verlaufen
nicht entlang der Nord-Süd-Linie, sondern entlang von Länderexpertise, thematischen
Präferenzen und politischen Überzeugungen.
Auch im Süden hat die Jubilee-Bewegung das Jahr 2000 überdauert. Sie hat
sich zum Teil neu sortiert und andere Themen aufgrund der internationalen
politischen Entwicklung in den Vordergrund gerückt. Vielerorts, wo die Jubilee-2000-Kampagnen
erst spät entstanden sind, entfaltet sich neue Dynamik.
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